Dagmar Comtesse

Foto_DCDas Jahr an der Sciences-Po in Paris war die einzige örtliche Ausnahme meines in Frankfurt am Main verbrachtem Studium der Geschichtswissenschaften, der französischen Sprache (beides mit Abschluss des Staatsexamens 2004) und der Philosophie (Abschluss Magister 2006). Nach einem spannenden Jahr als Mentoring-Beauftragte des Fachbereichs, in welchem ich zwar erreichte, dass ein akademisches Förderprogramm nur für weibliche Absolventinnen eingerichtet wurde, aber leider auch dessen Abschaffung – mit dem Grund der Benachteiligung von männlichen Absolventen – im darauffolgenden Jahr erleben musste, konnte ich 2008 im Exzellenzcluster „Normative Orders“ – im disziplinären Spannungsfeld von Geschichtswissenschaften und Philosophie verbleibend – eine Mitarbeiterstelle annehmen, die am Lehrstuhl „Wissenschaftsgeschichte“ von Prof. Moritz Epple angesiedelt ist. Die mehrfache Doppelung von Geschichtswissenschaften und Philosophie während meiner akademischen Ausbildung hat sich nachhaltig auf mein Denken ausgewirkt: Der Einblick in die irreduzible Historizität von Epistemologien einerseits und in die auf keine Gesetzmäßigkeit zurückführbare Vielfalt der Geschichte andererseits führten zum Bruch mit allen Letztbegründungsansprüchen. Die Annahme, dass Begründungen immer kontingent zu denken sind – contingent foundations, wie es Judith Butler ausdrückt -, steht allerdings in Spannung zu meinen Überlegungen über den Zusammenhang von Anthropologie und politischer Philosophie, die gegenwärtig mein Hauptinteresse bilden. Die Vereinbarkeit von Kontingenz und (politischer) Anthropologie ist also meine derzeitige Denkaufgabe, der ich mich ansatzweise in der Überarbeitung meiner Doktorarbeit über die politische Philosophie Rousseaus widme, die jedoch auch die Grundlage eines nächsten Forschungsprojektes bildet.

Meine Dissertation, die den Titel „Postnationale Volkssouveränität. Eine Aktualisierung Rousseaus“ trägt und die ich bei Prof. Rahel Jaeggi in Berlin und Prof. Axel Honneth in Frankfurt schreiben konnte, geht von der politischen Motivation aus, die kontingente Verbindung von Volkssouveränität und Nationalstaat lösen zu wollen und eine postnational konzipierte Volkssouveränität in den juridisch dominierten Diskurs über die Europäische Union zu bringen. Diese Motivation ergibt sich aus meiner Empörung über die offene Angst vor den Massen, die viele und vor allem maßgebliche TheoretikerInnen des EU-Diskurses hegen und dabei skrupellos die Governance-Struktur der EU als rationale Zähmung des immer zum „ethnischen Exzess“ neigenden Volkes (Joseph H.H. Weiler, Harvard 1995) verteidigen. Mein Festhalten am Begriff der Volkssouveränität gründet sich auf dem radikaldemokratischen Potential, das ich in der Rousseau’schen Fassung der Volkssouveränität sehe. Dieses besteht jedoch nicht in erster Linie in der direkten Demokratie, die meist mit Rousseau assoziiert wird, sondern im umfassenden Herrschaftsanspruch des Volkes, der am besten als Politisierung und Demokratisierung der Subjektivierungsmächte zu fassen ist. In der Tat lässt sich Rousseaus politische Philosophie auch im Hinblick auf die Zentralität des Konfliktes in den gegenwärtigen Diskurs der radikalen Demokratietheorie einordnen. Dies mag überraschen, da Rousseau vielen als Inbegriff eines Konsens- und Homogenitätsdenkers gilt. Doch geht Rousseau von einem fundamentalen und notwendigen Konflikt zwischen legislativ-konstituierender und exekutiver Macht aus und konzipiert bei genauer Lektüre auch die kollektive Willensbildung als einen Prozess des durchaus kontroversen Meinungsaustausches und einer starken subjektiven Urteilskraft. Problematisch ist dagegen Rousseaus Anthropologie für das Kontingenzdenken der (post)modernen Radikaldemokraten. Allerdings sehe ich im Anschluss an Frederick Neuhousers Rousseau-Interpretation (auf dt: Pathologien der Selbstliebe, Berlin 2013) gerade in der Sozialanthropologie Rousseaus ein explanatorisches und normatives Potential, das für eine politische Philosophie höchst fruchtbar sein kann. Es ist für mich eine offene Frage, inwieweit die ontologischen Annahmen der heutigen Radikaldemokraten von einer solchen Anthropologie nicht ergänzt oder gar ersetzt werden sollten.

Die Überlegungen über den Zusammenhang von politischer Philosophie und Anthropologie werden durch meine Projektarbeit verstärkt, in der ich mich mit dem Sensualismus und Materialismus der französischen Aufklärer beschäftige. Während das Projekt allgemein auf die Übersetzung und Kommentierung der theoretischen Grundierung der Encyclopédie abzielt, die Jean le Rond d’Alembert 1759 nach dem Verlassen des Encyclopédie-Projektes in seinem Essai sur les Elements de Philosophie zum Ausdruck gebracht hat, geht es mir im Speziellen um die Frage, ob man von einer politischen Philosophie der Encyclopédie sprechen kann. Dabei verstehe ich unter einer politischen Philosophie – gerade in Abgrenzung zu einer bloßen Theorie – die Verbindung von ontologischer und ontischer Ebene (Mouffe, Frankfurt 2007) bzw. von anthropologischen oder epistemologischen Voraussetzungen mit institutionellen Überlegungen oder phänomenologischen Diagnosen. Anhaltspunkte dafür finden sich zum einen in den Texten d’Alemberts, zu denen auch der berühmte Discours Préliminaire gehört. Zum anderen kann man die Strategie der Enzyklopädisten, die darin besteht, revolutionäre politische Positionen – oftmals durch Verweise verdeckt – im Rahmen des epochalen Gesamtwerkes in die sich etablierende bürgerliche Öffentlichkeit einzuschleusen, als Beleg für eine wissensbasierte Transformationstheorie ansehen. Zentral für die These einer politischen Philosophie der Encyclopédie ist die sensualistisch-materialistische Epistemologie der Enzyklopädisten, die bestimmte moralisch-politische Positionen – bspw. die Gleichheit aller Menschen oder die Befriedigung der Grundbedürfnisse – impliziert. Auch wenn die These der politischen Wirkung der Encyclopédie unbestritten ist (z.B. J. Israel, Oxford 2006) und der Nachweis einer politischen Philosophie bei d’Alembert gelingen mag (ansatzweise Comtesse, 2012: http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/files/24284/Wissensordnung_als_Kritik_final.pdf), stellen sich hier die Probleme eines fast unüberschaubaren Autorenkollektivs und eines schwer eingrenzbaren Textkorpus.

Mein Forschungsschwerpunkt der politischen Philosophie umfasst neben dieser Fokussierung auf das 18. Jahrhundert auch die aktuelle Debatte um Postdemokratie (Comtesse/ Meyer, Zeitschrift für pol. Theorie, 2/ 2011 und 1/2012), die Ideen- und Begriffsgeschichte des Republikanismus und den spezifischen Beitrag feministischer Theorien zur Kritik und Erweiterung politischer Philosophie. Weiter Informationen und die Möglichkeit des – immer erwünschten – Kontaktes:
http://www.normativeorders.net/de/organisation/mitarbeiter-a-z?view=person&id=34

Magdalena Balcerak Jackson

PhotoMBJIch bin Research Fellow am Zukunftskolleg und am Fachbereich Philosophie der Universität Konstanz und Ko-Direktorin einer DFG Emmy Noether Forschergruppe zum Thema „Understanding and the A Priori“. Ich arbeite vor allem in Philosophie des Geistes und Erkenntnistheorie, habe aber auch ernsthaftes Interesse an Sprachphilosophie, Wissenschaftstheorie und Phänomenologie. Ich habe bisher über folgende Themen geforscht und publiziert: Intentionalismus in der Philosophie des Geistes, die Anwendung der zwei-dimensionalen Semantik auf Theorien des Gehalts bewusster Erlebnisse, Begriffsanalyse, Sprachverstehen, apriorisches Wissen, Gedankenexperimente und rationales Überlegen.

Mein derzeitiges Hauptprojekt beschäftigt sich mit der Imagination (oder Vorstellungskraft). Das erste, woran die meisten von uns im Zusammenhang mit Imagination denken, ist unsere Fähigkeit fantastische und oft ästhetisch wertvolle fiktionale Charaktere, Szenarien und Geschichten zu erschaffen. Aber Imagination spielt auch eine wichtige Rolle beim Erwerb von Wissen: Wenn wir uns entscheiden, wie wir handeln sollen, wenn wir die Gedanken und Emotionen unserer Mitmenschen lesen, wenn wir Gedankenexperimente betreiben, machen wir von unserer Fähigkeit uns nicht-aktuale Szenarien vorzustellen Gebrauch. Diese Rolle der Imagination hat in der analytischen Philosophie bisher wenig Beachtung gefunden. Die entscheidende Frage, der ich nachgehe, ist die Frage, ob die Rolle der Imagination in diesen kognitiven Projekten tatsächlich eine epistemische Rolle ist. Ist Imagination tatsächlich eine Quelle von Rechtfertigung und nicht bloß eine heuristische Hilfskapazität? Die Orthodoxie in der neueren philosophischen Tradition seit Wittgenstein und Sartre ist der Ansicht, dass Imagination keine rechtfertigende Rolle spielen kann, weil wann wir uns etwas vorstellen und was wir uns vorstellen, unter unserer Kontrolle ist, und weil das Reich der Imagination, anders als unsere Realität, unbegrenzt ist. Ich versuche zu zeigen, dass diese Orthodoxie wichtige Merkmale der Imagination übersieht.

Manche Philosophen behaupten, dass Imagination uns zwar nicht sagen kann, was tatsächlich der Fall ist, dass Imagination aber ein guter Wegweiser dazu ist, was (metaphysisch) möglich ist. Das Problem ist, dass es in dieser modalen Erkenntnistheorie komplett mysteriös bleibt, warum und wodurch Imagination uns über den Bereich des Möglichen unterrichten könnte. Mein Ansatz ist es, die erkenntnistheoretischen Fragen über die Imagination auf der Grundlage einer detaillierten Erforschung der Imagination als einer psychologisch realisierten kognitiven Kapazität zu thematisieren. Dem Wesen nach ist Imagination eine Simulationsfähigkeit. Wenn wir uns vorstellen, eine rote Kirsche zu sehen, dann versetzen wir uns in die Perspektive eines möglichen Subjektes, das eine Wahrnehmungserfahrung einer roten Kirsche hat. Ich entwickele und verteidige eine spezifische Simulationstheorie der Imagination und erkläre, wie diese Theorie uns erklären kann, dass Imagination uns Rechtfertigung für interessante Überzeugungen über die Struktur unserer Erfahrung und über die Struktur unserer Welt gibt.

Ich glaube, dass diese Untersuchung der Imagination aus der Perspektive der Philosophie des Geistes und der Erkenntnistheorie zugleich uns interessante und überraschende Tatsachen über diese faszinierende kognitive Kapazität erschließt, wie die beiden folgenden: Obwohl Imagination ihrem Wesen nach mentale Erfahrungen wie Wahrnehmungen simuliert, kann Imagination uns apriorische Rechtfertigung liefern. Und, obwohl wir in Imagination die Perspektive anderer Subjekte annehmen können, indem wir uns etwa vorstellen, Napoleon zu sein, bleibt jeder Imaginationsakt immer egozentrisch.

Es gibt auch ein zweites Projekt, das mich derzeit viel beschäftigt: Ich untersuche die Psychologie und die Erkenntnistheorie unserer Fähigkeit des rationalen Überlegens. Ich versuche zu zeigen, daß rationales Überlegen nicht nur Rechtfertigung von den Prämissen auf die Schlußfolgerung überträgt, sondern auch neue Rechtfertigung generiert. Allgemeiner glaube ich, dass wir eine ganze Reihe von kognitiven Kapazitäten besitzen, die es uns erlauben, basale Information zu interpretieren – bzw. zu erkennen, was aus was folgt – und dass diese kognitiven Kapazitäten eine Dimension unserer Rationalität ausmachen, die in der Erkenntnistheorie mehr Beachtung finden sollte.

Ich bin gebürtige Polin, bin 1988 – also knapp vor der Wende – mit meiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland immigriert und im Rheinland aufgewachsen. Studiert habe ich Philosophie und Literaturwissenschaften an der Universität Bonn. Promoviert habe ich mit einem Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes an der Universität zu Köln, wobei ich den Großteil meiner Promotionszeit nicht in Deutschland, sondern an der Australian National University in Canberra und an der University of California in Davis, USA verbracht habe. Nach einer einjährigen Tätigkeit als Lecturer an der UC Davis und einem Post-Doc an der Australian University kehrte ich 2009 nach Deutschland zurück, um zusammen mit meinem Kollegen und Partner Brendan Balcerak Jackson eine durch die DFG bewilligte Emmy Noether Forschergruppe zum Thema „Understanding and the A Priori“ an der Universität zu Köln aufzubauen. 2013 zogen wir mit unserer Gruppe an die Universität Konstanz, um zusätzlich neue individuelle Projekte am interdisziplinären Zukunftskolleg zu verfolgen. In meinem Fall ist dies das Projekt über „Imagination und Reasoning“.

Ich bin nicht nur Philosophin, sondern auch Mutter einer tollen einjährigen Tochter, Leseratte, passionierte Weltbereiserin, und Yoga-Schülerin. Mehr über mich als Philosophin und viele meiner Arbeiten findet man aber unter:
http://www.mbalcerakjackson.net

Stefania Maffeis

col_sqIch bin seit 2010 im Rahmen einer von der DFG finanzierten „Eigenen Stelle“ am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig.

Dort arbeite ich an einem Habilitationsprojekt über die transnationale Zirkulation von politischen Ideen im Werk und in der Rezeption Hannah Arendts zwischen Deutschland und den USA von den 1940er Jahren bis Mitte der 2000er Jahre. Hauptsächlich konzentriere ich mich auf die Debatten um den Totalitarismus und den Eichmann-Prozess. Insbesondere analysiere ich, auf welche Art und Weise Arendts Konzept des „Politischen“ und die intellektuelle Figur „Hannah Arendt“ performativ hervorgebracht, anerkannt und abgelehnt, universalisiert und partikularisiert, zwischen unterschiedlichen historischen, sozialen und nationalen Räumen übersetzt und transformiert wurden.

Bei meiner Untersuchung verfolge ich zwei Hauptinteressen. Zum einen betrachte ich das Philosophieren und Theoriebilden als besondere soziale Praxis, die unter bestimmten historischen, politischen und ökonomischen Bedingungen stattfindet, von einer Kollektivität von unterschiedlich positionierten Agent_innen öffentlich praktiziert wird, implizite wie explizite Wissenselemente mobilisiert, soziale und symbolische Effekte ausübt. Methodisch und theoretisch stütze ich mich auf wissenssoziologische und wissenschaftsphilosophische Ansätze, insbesondere auf die Praxeologie und Feldanalyse Pierre Bourdieus sowie auf weitere Autor_innen wie Michel Foucault, Judith Butler, Luc Boltanski, und Bruno Latour.

Mein zweites Interesse gilt zum anderen der transnationalen Ideenzirkulation, die ich als eine besondere theoretische Praxis und als Forschungsperspektive auffasse. Als Prozess der Theoriebildung analysiere ich die Übertragung von Ideen zwischen unterschiedlichen nationalen Kontexten, um inhaltliche Sinnverschiebungen, soziale wie epistemische Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen, Konstituierungen und Reorganisierungen von sozialen Räumen und Philosophieverständnissen zu erfassen. Als Forschungsperspektive ermöglicht mir die transnationale Dimension, die Sozialität und geopolitische Situiertheit der Philosophie in prägnanter Weise zu erhellen. Die Spezifizität bestimmter lokaler und nationaler „Denkstile“, die in philosophischen Schriften meistens nicht explizit und nicht unmittelbar ersichtlich sind, wird durch die Arbeit an ihrer Übersetzung und Übertragung oft erst reflektierbar.
Bei dieser Frage berücksichtige ich Studien und Ansätzen aus den Translation Studies, der Entangled History und der postkolonialen Philosophie.

Mein Forschungsprogramm sehe ich als hermeneutischen, ideologiekritischen und metaphilosophischen Beitrag zur Philosophie selbst. Theoriebildung als soziale Praxis zu betrachten heißt, ein komplexeres und adäquateres Verständnis philosophischer Schriften im Bezug auf ihre Entstehungs- und Rezeptionskontexte zu erschließen. Indem sie reflektiert, wie Theorien „gemacht“ werden, kann meine Analyse außerdem Universalisierungen partikularer Standpunkte sowie soziale Kategorisierungen sichtbar machen und korrigieren, die in philosophische Texte und Vorträge unkontrolliert einfließen. Schließlich versuche ich, eine neue Methodologie der Philosophieforschung am Fallbeispiel „Hannah Arendt“ zu erproben, die auch anhand anderer Theorien und Beispiele weiterentwickelt werden könnte.
Meine ersten Arbeitshypothesen und Ergebnisse wurden in dem Aufsatz „Eine Feldanalyse der Philosophie am Beispiel von Performing ‚Hannah Arendt’: methodologische Betrachtungen“ veröffentlicht.

Ich habe Philosophie und Geisteswissenschaften an der Universität Parma mit Schwerpunkt auf deutscher Hermeneutik studiert. Zur Zeit meines Studiums entwickelte ich ein spezifisch politisches Interesse für Theorien im Rahmen von feministischen Lesekreisen, bildungspolitischen Veranstaltungen und politischen Aktionen an der Frauenuniversität in Verona und Brescia. 1998 kam ich zum ersten Mal dank eines Erasmus-Stipendiums und mit sehr rudimentären Deutschkenntnissen nach Berlin. Mein Studium schloss ich 2000 in Parma mit einer Magisterarbeit über die soziologische und die ontologische Hermeneutik von Pierre Bourdieu und Hans Georg Gadamer ab.

Im Jahr 2001 verlegte ich meinen ständigen Wohnsitz nach Berlin, diesmal mit dem Ziel einer Promotion, die ich 2005 an der Freien Universität Berlin unter Hauptbetreuung von Prof. Gunter Gebauer und dank eines Promotionsstipendiums im Rahmen des Berliner Nachwuchsförderungsgesetzes (NaFöG) abgeschlossen habe.

Meine Migrationserfahrung veränderte auf radikale Weise nicht nur meine Lebenssituation, sondern auch meine Art zu philosophieren. Das Problem der Beziehung zwischen Theorie und Praxis, Wahrheit und Geschichte, Erkenntnis und Weltsprachen stellte sich mir in seiner Dringlichkeit dar. Erstaunt über die rasche und endgültige Verdrängung einer philosophischen Tradition und Denkweise im Prozess der deutschen Wiedervereinigung entschied ich mich für eine Promotionsarbeit über die Philosophie in der DDR. Ich untersuchte die Verflechtungen zwischen Philosophie und Politik und ihre Transformationsprozesse von der Nachkriegszeit bis zur Zeit der deutschen Einigung. Insbesondere verfolgte ich den Diskurs um Friedrich Nietzsche. Ich führte Zeitzeugeninterviews mit ehemaligen DDR-Philosoph_innen, stützte mich auf philosophie- und sozialhistorische Studien, auf Archivmaterialien verschiedener DDR-Institutionen und auf philosophische Texte. Die Arbeit wurde 2007 im Campus Verlag mit dem Titel Zwischen Wissenschaft und Politik. Transformationen der DDR-Philosophie 1945-1993 veröffentlicht.

Nach der Promotion und bis zur Bewilligung des DFG-Projekts war ich als Lehrbeauftragte für Philosophie, sowie als Sprachdozentin und Übersetzerin in Berlin tätig. Durch den Kontakt mit der transdisziplinären und transnationalen Forschergruppe ESSE (Espace des Sciences Sociales Européennes), die im Anschluss an Pierre Bourdieu zur transnationalen Ideenzirkulation arbeitete, begann ich, mein aktuelles Forschungsthema zu konzipieren.

Ich bin seit 2010 Vertrauensdozentin der Rosa Luxemburg Stiftung. Dabei engagiere ich mich in den Auswahlausschüssen für die Vergabe von Studiums- und Promotionsstipendien sowie in den Bewerbungsgesprächen mit Kandidat_innen.

Im Rahmen meiner Stelle biete ich regelmäßig Seminare zur politischen Philosophie an, die auch über mein spezifisches Forschungsprojekt hinausgehen, wie etwa zu Theorien der politischen Gewalt, Staatsbürgerschaft, Kritik und Praxis, Exil und Migration.

Im Herbstsemester 2013 war ich DAAD-Stipendiatin und als research fellow am Hannah Arendt Center for Politics and the Humanities am Bard College in New York tätig.

Für weitere Informationen: http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we01/institut/mitarbeiter/drittmittel/maffeis/index.html

Monika Betzler

BetzlerIch bin derzeit Ordentliche Professorin für Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie an der Universität Bern/Schweiz. Mein erstes Hauptinteresse gilt Themen, die mit unserer eigenen Lebensführung zu tun haben. Es geht mir hierbei um ein Verständnis derjenigen Probleme und Zusammenhänge, die unser Handeln über die Zeit hinweg aus unserer erstpersonalen Perspektive betreffen.

Dazu gehören Fragen der Autonomie, des Wohlergehens, Formen praktischer Irrationalität (wie etwa Willensschwäche und inverse Akrasie), des Wertens, der Rationalität, des diachronen Handelns sowie der Normativität. Ich habe mich auch mit praktischen Konflikten und der normativen Rolle von Emotionen, insbesondere von Bedauern, beschäftigt. So denke ich etwa, dass Bedauern, das sich auf vergangene Entscheidungen richtet, rational sein kann. Dies liegt daran, dass das, was wir einst wertgeschätzt haben und aufgrund eines Konflikts nicht mehr verfolgen können, Gründe generiert, es in bedauernder Form weiter zu schätzen.

In den letzten Jahren galt mein Interesse insbesondere der normativen Bedeutung von persönlichen Projekten. In meinem Buchmanuskript „Why Personal Projects Matter“ zeige ich neben einer Definition von persönlichen Projekten, warum diese eine distinkte Kategorie praktischer Vernunft sind und warum wir persönliche Projekte verfolgen „sollen“. Zum einen geben uns persönliche Projekte, etwa im Gegensatz zu anderen Kategorien praktischer Vernunft, wie Wünsche, Ideale oder Pläne, besondere Gründe: Sie generieren Gründe, sie über Zeit um ihrer selbst willen wertzuschätzen. Zum andern sind persönliche Projekte Ausdruck einer besonderen Art der Bindung („commitment“). Bindungen unterscheiden sich von anderen normativen Kategorien, wie Gründen und rationalen Erfordernissen, dadurch, dass sie modal stringent, aber pro tanto sind. D.h., wir haben in verschiedenen möglichen Welten Grund, unsere persönlichen Projekte weiterzuverfolgen – auch dann, wenn die Gründe, die für diese sprechen, verloren gehen. Dies liegt u.a. daran, dass persönliche Projekte Ausdruck unserer normativen Identität sind. Dies impliziert jedoch nicht, dass wir niemals Grund haben, unsere persönlichen Projekte aufzugeben. Wir haben nur sehr gewichtige Gründe, sie nicht so leicht zu hinterfragen.

Ein zweites Hauptinteresse gilt Themen aus dem Bereich der Sozialphilosophie und der normativen Ethik. Dazu gehören kollektives Handeln, moralische Verantwortung und Formen unmoralischen Handelns, die Reichweite und Grenzen deontologischer Ethik und die Möglichkeit der Integration deontologischer Intuitionen im Rahmen einer konsequentialistischen Moraltheorie, sowie die Familienethik.

Persönliche Beziehungen, Parteilichkeit sowie Rechte und Pflichten von Eltern und Kindern sind Gebiete, zu denen ich in den letzten Jahren verschiedene Forschungsprojekte (zusammen mit mehreren Postdocs – Barbara Bleisch, Magdalena Hoffmann und Jörg Löschke) verfolgt habe.

Hierbei habe ich u.a. versucht zu zeigen, dass Nahbeziehungen besondere Gründe für gemeinsames Handeln konstituieren. Gemeinsame Handlungen, die Beziehungen ausdrücken, lassen sich jedoch nicht über wechselseitige einzelne Absichten analysieren, sondern nur über den Wert der Beziehung selbst. Darüber hinaus glaube ich, dass sich spezielle Pflichten nicht konsequentialistisch rekonstruieren (und auch nicht konsequentialisieren) lassen. Meine Analyse von persönlichen Projekten hat mich dazu motiviert auszuführen, dass die Erziehung zur Autonomie, die Eltern ihren Kindern schulden, über das Wertschätzen von Proto-Projekten erfolgen muss.

Ich habe Philosophie, Literaturwissenschaften sowie Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (M.A. 1988; Dr. phil. 1992) studiert (mit einem vom DAAD finanzierten Auslandsstudium an der Université Lyon II sowie dank der Promotionsförderung durch die Studienstiftung des deutschen Volkes). Während meines Münchner Studiums widmete ich mich zunächst der Geschichte der Philosophie, insbesondere der klassischen deutschen Philosophie. Dies hat mein Interesse an unserem Selbstverhältnis massgeblich beeinflusst.

Nach der Promotion war es mir ein Anliegen, die Welt außerhalb der Universität kennenzulernen und philosophische Themen praktisch anzuwenden. Ich hatte das Glück, ein Traineeship an der „Cellule de Prospective“, einem Think Tank an der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, zu erhalten. So war ich (1992-1993) in Brüssel tätig und beschäftigte mich mit politischer Philosophie, insbesondere mit Fragen zu europäischer Staatsbürgerschaft. Zugleich erkannte ich, dass meine Leidenschaft dem philosophischen Nachdenken gilt, und nahm eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin (später dann als wissenschaftliche Assistentin) an der Georg-August-Universität in Göttingen am Lehrstuhl von Julian Nida-Rümelin (1993-2004) an.

Während meiner Assistentinnenzeit verbrachte ich mehrere Jahre in den USA. Ein McCloy Scholarschip der Studienstiftung erlaubte mir zum einen, meine nach wie vor vorhandenen Interessen an der praktischen Umsetzung philosophischer Fragen zu verfolgen. Zum andern war es mir auf diese Weise möglich geworden, die angloamerikanische Philosophie genau kennenzulernen. So absolvierte ich an der Kennedy School of Government der Harvard University ein erneutes Masterstudium der Public Administration und studierte zugleich Philosophie u.a. bei Hilary Putnam, Derek Parfit und Amartya Sen (1994-1996). Es folgte ein weiteres Jahr als Visiting Scholar am Philosophy Department der Harvard University.

Als Feodor-Lynen-Stipendiatin der Humboldtstiftung verbrachte ich schliesslich ein gutes Jahr an der University of California at Berkeley bei Jay Wallace und Samuel Scheffler, die mein Nachdenken über persönliche Projekte maßgeblich beeinflussten (2002-2003).

2005 habilitierte ich an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, wohin ich Julian Nida-Rümelin gefolgt war (2004-2006). Nach einer kurzen Zeit der Oberassistenz erhielt ich zwei Rufe und entschied mich, in die Schweiz zu gehen.

2012-2013 nahm ich ein Visiting Professorship dank eines Fellowships des Murphy Institute am Center for Ethics and Public Affairs an der Tulane University in New Orleans wahr. Seit 2012 bin ich Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Bioethik im Außerhumanbereich.

Für weitere Informationen: http://www.philosophie.unibe.ch/content/ueber_uns/team/mitarbeitende/betzler/index_ger.html

Louise Röska-Hardy

dr.-louise-röska-hardyIch bin research fellow am Kulturwissenschaft-lichen Institut Essen und widme ich mich zurzeit interdisziplinären Fragen zum Phänomen des menschlichen Selbst. Die Frage nach dem Selbst hat Hochkonjunktur in den Neuro- und Kognitionswissenschaften, in der empirisch forschenden Psychologie und in den konstruktivistischen Sozialwissenschaften. Es werden Erklärungsansprüche hinsichtlich des menschlichen Selbst erhoben, aber das Explanandum ist alles andere als klar. Tradierte philosophische Konzeptionen des Selbst – als eine immaterielle oder eine materielle Substanz, als eine transzendentale Entität oder eine transzendentale Struktur der Erfahrung und des Erkennens – helfen hier nur bedingt weiter. Gefragt ist eine begrifflich überzeugende und empirisch informierte philosophische Analyse, die nicht im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Einzelwissenschaften steht.

Meine Forschung gilt den Fragen einer weit verstandenen philosophischen Anthropologie, unter systematischer Berücksichtigung natur-, kognitions- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse. Hierzu gehören Fragen aus der analytischen Philosophie des Geistes, der Philosophie der Sprache, der Handlungstheorie und der Sozialontologie, aber auch Fragen über die soziale Kognition, insb. die Theory of Mind-Fähigkeit, die Differenz zwischen Menschen und anderen Tieren und den Erstspracherwerb. Seit der griechischen Philosophie der Antike haben PhilosophInnen die Frage nach der Stellung des Menschen in der Welt in historischer wie in systematischer Hinsicht gestellt. Heute erfolgt der Blick auf die Spezifik des Menschen disziplinübergreifend. Eine angemessene philosophische Deutung des Menschen hat die Ergebnisse empirisch forschender Disziplinen zur Kenntnis zu nehmen wie auch die philosophiehistorischen Wurzeln der anthropologischen Frage zu berücksichtigen.

Philosophie mit Schwerpunkt Philosophie der Antike, Altphilologie und Linguistik studierte ich als undergraduate in Atlanta mit SchülerInnen von A.N. Whitehead und Raphael Demos (B.A. 1972). Danach nahm ich ein Promotionsstudium in Philosophie an der Universität von North Carolina-Chapel Hill auf, wo Jay Rosenberg und Paul Ziff meine Auffassung von philosophischer Methode und Praxis maßgeblich beeinflussten. Meine Fachsozialisation fand in Chapel Hill statt und blieb bis heute prägend. Nach dem M.A. 1975 ergab sich die Gelegenheit, die sog. „continental philosophy“ kennenzulernen. Beurlaubt vom Studium in Chapel Hill, kam ich nach Frankfurt am Main, um zeitgenössische deutsche Philosophie zu hören und etwas über die Frankfurter Schule zu erfahren. Was als begrenzter Auslandsaufenthalt konzipiert war, wandelte sich zu einem neuen Wohnsitz. Ich begann ein Promotionsstudium der Philosophie, Linguistik und Soziologie in Frankfurt, setzte es zeitweilig in Heidelberg fort und promovierte mit einer Arbeit zur Bedeutung in natürlichen Sprachen 1985 in Frankfurt. Während meines Studiums und danach waren die Arbeiten von Donald Davidson zur Philosophie des Geistes, zur Sprachphilosophie und zur Handlungstheorie für mich sehr wichtig.

Nach der Promotion übernahm ich Lehraufträge in der Philosophie und in der Linguistik, weil sie sich mit einer wachsenden Familie vereinbaren ließen. Es folgte Lehrtätigkeit in Darmstadt, Frankfurt am Main, Heidelberg und Bern, eine Gastprofessur in Atlanta und Forschungsaufenthalte in St. Louis 1999 und in New York 2001. Anschließend war ich an interdisziplinären Studien- und Forschergruppen beteiligt: ‚Was macht eine Lebensform human?’ (2002-2003), ‚Was ist der Mensch? Kultur-Sprache-Natur‘ (2004-2007), und ‚Wissen und Können‘ (2008). Ich war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Witten/Herdecke (2008-2010), bevor ich die Vertretung einer W2-Professur für praktische Philosophie an der TU-Dortmund (2010-2013) übernahm.

Was macht den Mensch zum Menschen? Bereits in der Antike galt die syntaktisch komplexe Sprache als auszeichnendes Merkmal des Menschen. Heute wird die voll entwickelte Theory of Mind-Fähigkeit (ToM) – die Fähigkeit, sich selbst und anderen als geistbegabte Handelnde zu begreifen, als zweites, spezifisch menschliches Merkmal betrachtet. Als ein zentraler Zugang zur Beantwortung der anthropologischen Frage bietet sich die Modellierung der Wechselbeziehungen zwischen dem Erstspracherwerb und der Entwicklung der Theory of Mind-Fähigkeit. Vor dem Hintergrund empirischer Forschungsergebnisse und theoretischer Überlegungen argumentiere ich für ein integriertes Modell des ToM-Erwerbs, das die Beziehung zwischen Sprache und der ToM-Fähigkeit als eine dialektische, wechselseitig bedingte Entwicklung abbildet. Demnach sind die Einflussfaktoren zwischen Sprache und ToM-Fähigkeit im interaktionsbasierten Erwerbsprozess bidirektional, ohne dass sich diese wechselseitig determinieren. Diese Modellierung bezieht Position gegen nativistische und gegen radikal konstruktivistische Erklärungsansätze, schreibt aber dem Sprachvermögen eine Schlüsselrolle bei der Einordnung des Menschen in die Welt zu. Darüber hinaus bedingt dieser Ansatz externalistische Positionen in der Philosophie des Geistes und in der Sprachphilosophie und zeichnet Positionen in der Sozialepistemologie und der Handlungstheorie vor. Er ebnet auch den Weg für eine differenzierte Betrachtung des menschlichen Selbst, welche dessen Entstehung im Zusammenwirken von biologischer Ausstattung, Umwelt und sozialer Erfahrung verortet. Es gilt die mehrschichtigen Facetten des Selbst-Phänomens zu analysieren, um eine philosophische Konzeption des Menschen und dessen natürlicher Vermögen zu entfalten, in der wir uns und unsere „Selbst“-Bestimmung als Teil der natürlichen Welt erkennen können.

Weitere Details und Links zu ausgewählten Veröffentlichungen finden sich auf der KWI-Webseite:
http://www.kulturwissenschaften.de/home/profil-lroeskahardy.html

Anna Leuschner

ALIch habe in Bielefeld Philosophie und Geschichte studiert und wurde 2011 in Bielefeld mit einer Arbeit zur Glaubwürdigkeit politisch relevanter Wissenschaften am Beispiel der Klimaforschung promoviert. Im Anschluss war ich ein Jahr Assistentin in Bielefeld und wechselte dann nach Karlsruhe, wo ich seit April 2012 als Postdoc am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in der Forschungsgruppe LOBSTER (Limits and Objectivity of Scientific Foreknowledge: The Case of Energy Outlooks) von Prof. Gregor Betz arbeite.

Mein Forschungsschwerpunkt liegt in der Wissenschaftstheorie und der sozialen Erkenntnistheorie. Mich interessiert allgemein, wie gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Bedingungen wissenschaftliche Erkenntnisverfahren beeinflussen. Konkret erforsche ich derzeit die epistemischen Möglichkeiten und Grenzen von sozialer Pluralität.

Es ist unstrittig, dass bestimmte Formen wissenschaftlicher (methodischer und theoretischer) Pluralität epistemisch fruchtbar sind. Darunter fallen beispielsweise beobachtungsprozedurale und instrumentelle Pluralität: Verschiedene experimentelle und messtechnische Verfahren können unabhängig voneinander Hypothesen bestätigen oder falsifizieren. Auch können sie verschiedene Eigenschaften eines Phänomens erst erkennbar machen, wodurch eine Hypothese entsprechend verfeinert werden kann.
Das zeigt sich besonders deutlich in Bereichen der Forschung, die sehr komplexe Forschungsgegenstände untersuchen. Hier werden die besten Ergebnisse dadurch erzielt, dass Daten und Forschungsergebnisse aus verschiedenen, teils auch interdisziplinären Forschungsbereichen zusammengeführt werden. Wo einzelne, lokal und temporär begrenzte Messreihen und Experimente wenig aussagekräftig bleiben, können durch Vergleiche und Kombinationsverfahren vieler solcher Untersuchungen oft dennoch verlässliche Ergebnisse erzielt werden.

Unklar ist jedoch, inwiefern für die Bereitstellung hinreichender wissenschaftlicher Pluralität soziale Pluralität erforderlich ist. Soziale PluralistInnen argumentieren, dass die im Entdeckungskontext liegenden sozialen und psychischen Umstände einer wissenschaftlichen Entdeckung nicht eindeutig von den im Rechtfertigungskontext liegenden kognitiven Geltungsansprüchen zu trennen sind: Objektivität im Sinne individueller Werteneutralität könne es nicht geben, da jeder einzelne Mensch zwangsläufig eine bestimmte, kontextabhängige Perspektive auf die Welt habe, geprägt von sozialem Status, Bildung, Nationalität, Geschlecht, individuellen Erfahrungen usw.
Diese perspektivische Gebundenheit beeinflusse die Forschung einzelner WissenschaftlerInnen durch sogenannte Hintergrundannahmen, was bedeutet, dass nicht-epistemische (z.B. moralische, politische, ökonomische) Werte im wissenschaftlichen Begründungszusammenhang vorausgesetzt werden. Daher sei eine Eliminierung nicht-epistemischer Werte aus den wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen nicht möglich; soziale PluralistInnen fordern deshalb, nicht-epistemische Vorurteile in der Wissenschaft – wenn sie sich schon nicht eliminieren lassen – durch Kultivieren sozialer Wertevielfalt zu kontrollieren.

Allerdings ist das nicht ganz einfach. So müssen sich VerfechterInnen von sozialem Pluralismus der Herausforderung stellen, dass soziale Pluralität auch erkenntnishemmend sein kann, wenn nämlich unqualifizierte Beiträge Eingang in wissenschaftliche Diskussionen finden. So wichtig soziale Pluralität also aus epistemischen Gründen sein mag, sie bedeutet zugleich eine besondere Herausforderung an die wissenschaftliche Qualitätssicherungspraxis. Mit Hilfe bestimmter Qualitätsstandards (in der Wissenschaftstheorie werden klassischerweise Listen methodologischer Werte vorgebracht, wie z.B. Einfachheit, Fruchtbarkeit, Konsistenz, etc.) müssen unqualifizierte Beiträge aus den wissenschaftlichen Diskussionen ausgeschlossen werden. Allerdings müssen solche Standards im konkreten Fall interpretiert und gewichtet werden, was die für wissenschaftlichen Fortschritt erforderliche Pluralität in der Wissenschaft überhaupt erst ermöglicht. Dabei können wieder nicht-epistemische Werte entscheidend sein. Um dennoch zu einer Einigung zu gelangen, sind daher bestimmte theoretische, konzeptuelle und methodische Annahmen entscheidend, die innerhalb einer wissenschaftlichen Gemeinschaft bereits etabliert sind. Das führt jedoch dazu, dass diese Annahmen selbst nicht zum Gegenstand von Kritik werden können, weil Kritik an ihnen von vornherein ausgeschlossen wird.
Das zeigt sich beispielsweise am peer review-Verfahren. Hier können von GutachterInnen, KonferenzorganisatorInnen oder ZeitschriftenherausgeberInnen angenommene Standards bereits Vorurteile enthalten oder durch Vorurteile verzerrt interpretiert werden, so dass systematisch Beiträge bestimmter Personengruppen ausgeschlossen werden. Dies birgt die Gefahr, dass das eigentliche Ziel, die Sicherung wissenschaftlicher Objektivität, verfehlt wird, wenn innovative Beiträge aus den Diskussionen ausgeschlossen werden, weil sie etablierten Annahmen nicht genügen. Ich gehe hier der Frage nach, wie die sozialpluralistischen Einsichten umgesetzt werden können, ohne die Einhaltung wissenschaftlicher Standards einem konstruktivistischen Relativismus zu opfern.

Ein zweites Problem für sozialen Pluralismus ist, dass bestimmte Beiträge in wissenschaftlichen Debatten offenbar epistemisch schädlich sind. Dies untersuche ich mit meinem Kollegen Justin Biddle vom Georgia Institute of Technology anhand von Fällen, die die historische und soziologische Wissenschaftsforschung unter dem Stichwort „Agnotology“ aufgedeckt hat: Interessengruppen versuchen, durch Diskreditierung von WissenschaftlerInnen, gezielte Selektion von Daten und Verdrehung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die öffentliche Meinung und politische Entscheidungen zu beeinflussen.
Besonders stark sind Gesundheits- und Umweltwissenschaften betroffen; so wird beispielsweise von Seiten der Tabakindustrie versucht, den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs in Frage zu stellen, Medikamententests werden in von Pharmakonzernen finanzierten Testreihen manipuliert, um Medikamente schneller auf den Markt bringen zu können, und der anthropogene Klimawandel wird durch lobbyistischen Einfluss der Kohle- und Ölindustrie bezweifelt.
Es ist jedoch unklar, inwieweit solche Einflussnahme die Wissenschaft selbst beeinträchtigt. Dagegen wird von KlimaskeptikerInnen sogar argumentiert, dass ihre Aktivitäten epistemisch nützlich seien, da sie unabhängige Kritik und Kontrolle der etablierten Wissenschaft hervorbrächten.
Es gibt allerdings Indizien dafür, dass KlimaforscherInnen Daten zu optimistisch interpretieren, um nicht von KlimaskeptikerInnen angefeindet und diskreditiert zu werden. Dies zeigt, dass die Einflussnahme der Industrie auf die Klimaforschung durch das Protegieren von klimaskeptischen Aktivitäten die wissenschaftliche Diskussion in epistemisch schädlicher Weise behindert und unausgewogene Ergebnisse durch eine Neigung zu falsch-negativen Fehlern begünstigt.
Allgemein gesprochen sind, so möchten Justin und ich zeigen, solche Beiträge epistemisch schädlich, die Voreingenommenheiten in der Wissenschaft fördern, wenn durch ihren Einfluss beispielsweise systematisch bestimmte Interpretationsweisen von Daten bevorzugt oder bestimmte Hypothesen vernachlässigt werden.

Eine Liste meiner Publikationen und Vorträge findet sich unter
http://www.philosophie.kit.edu/mitarbeiter_430.php

Annett Wienmeister

Photo AWSeit dem Wintersemester 2012/13 arbeite ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, wo ich bei Christian Illies promoviere. Zuvor habe ich in Jena, Chambéry (Frankreich) und Omaha (USA) Philosophie, Biologische Anthropologie und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation studiert. Die Wahl dieser interdisziplinär ausgerichteten Studienkombination beruht auf der für mich bis heute geltenden Überzeugung, dass in verschiedenen Wissenschaften sinnvolle und sich ergänzende Antworten auf die Frage gefunden werden können, was der Mensch sei.

Nach meinem Studium habe ich in Jena am Lehrstuhl von Wolfgang Welsch gearbeitet und mich mit dem Zusammenhang der Begriffe des Lebendigen, der Subjektivität und der Intentionalität beschäftigt, wie er in Nachfolge von Maturana und Varela in der gegenwärtigen Autopoiesis-Schule hergestellt wird. Ausgehend von deren plausibler These, dass die konstitutiven Leistungen kognitiver Akteure bei der intentionalen Bezugnahme auf die Welt immer zu berücksichtigen sind, war es mein Anliegen, die daraus abgeleiteten konstruktivistischen Schlussfolgerungen zu entkräften. Denn aus der faktischen Unhintergehbarkeit bestimmter erkenntniskonstitutiver Formen folgt deren epistemische Subjektivität per se nicht, was zudem auch nicht ohne Weiteres mit einer biologisch-naturwissenschaftlichen Perspektive, aus der dieser Ansatz seine grundlegenden Argumente gewinnt, in Einklang zu bringen ist.

In meiner Promotion beschäftige ich mich weiterhin mit einer erkenntnistheoretischen Fragestellung: Welche Rolle spielt empirische Erfahrung für unser begriffliches Denken bzw. für unser Erkennen und wie ist das Verhältnis zwischen diesen beiden kognitiven Fähigkeiten zu bestimmen? Hierfür untersuche ich den Konzeptualismus der Erfahrung, wie er von John McDowell entwickelt wurde. Dieser vertritt die These, dass schon in unserer sinnlichen Erfahrung begriffliche Fähigkeiten passiv zur Anwendung kommen, die auch für unser aktives Denken konstitutiv sind. Mit seinem Ansatz möchte McDowell eine ‚quietistische‘ Antwort zu einem Problem der modernen Erkenntnistheorie geben, das er als ein stetiges Oszillieren zwischen den zwei Extremen eines Kohärentismus des begrifflichen Denkens und dem Mythos des Gegeben der nichtbegrifflichen Erfahrung beschreibt. Nur wenn wir Erfahrungen nicht mehr lediglich als reines Kausalgeschehen begreifen, sondern auch als durch begriffliche Fähigkeiten vermittelt, wird deren epistemische Relevanz für das Denken und Erkennen verständlich und ein minimaler Empirismus möglich.

Was den McDowellschen Ansatz meines Erachtens so interessant macht, ist seine Problemdiagnose für das oszillierende Moment in der Erkenntnistheorie, das er in einem Dualismus von Natur und Vernunft begründet sieht. Ausgehend von dieser Analyse ergibt sich allerdings die Frage, inwiefern sich der Erfahrungsbegriff mittels einer begrifflichen Aufwertung aus der dualistischen Zwickmühle befreien lässt. Vielversprechend erscheint es mir hier, den Fokus vom Aspekt des Begrifflichen auf den Aspekt der Fähigkeit zu verschieben. Eine Fähigkeit zu entwickeln und auszuüben impliziert mehr als eine Disposition zu haben (wie etwa auf bestimmte kausale Einflüsse differentiell zu reagieren). Ich möchte fragen, inwiefern wir den Begriff der Fähigkeit auf Elemente der Erfahrung anwenden können, die noch nicht begrifflicher Natur im anspruchsvollen Sinne sind, die aber dennoch normative und reflexive Aspekte aufweisen und somit über eine rein kausale Determinierung hinausgehen. Wenn dieser Ansatz gelingt, dann kann ein Erfahrungsbegriff gewonnen werden, der einige der Voraussetzungen beinhaltet, welche auch für abstrakt-begriffliches Denken und Erkenntnis konstitutiv sind.

Die Frage, inwiefern wir über ein dualistisches Weltbild hinausgelangen können, beschäftigt mich auch mit Blick auf die Ethik. In einem Workshop zum Thema „Funktion und Normativität bei Darwin und Aristoteles: Natur als Entstehungsrahmen von Moral“, den ich im Februar gemeinsam mit meinen Bamberger Kollegen organisiere, fragen wir, inwiefern der Aristotelische Naturbegriff der physis die Möglichkeit eröffnet, den Menschen sowohl als natürliches als auch als moralisches Wesen zu begreifen, ohne hierbei die moralische Dimension auf Naturvorgänge zu reduzieren. Ziel ist es dabei zu prüfen, inwiefern die Konzeption der physis als möglicher Lösungsansatz für die Disparität zwischen Ethik und Evolutionstheorie fungieren kann.

Seit einigen Jahren richtet sich mein persönliches Interesse auch auf die ostasiatische Philosophie. Ich war in der glücklichen Lage, auf einer Reise in den Himalaya in buddhistische Klöster einzukehren, und konnte mich dort mit einigen der philosophischen Ansätze und religiösen Praktiken vertraut machen. Besonders interessiert mich derzeit der Begriff des sunyata, gewöhnlich mit „Leere“ übersetzt, der aber vielmehr für die vielfältigen wechselseitigen Bedingungsverhältnisse steht, die als konstitutiv für alles Seiende betrachtet werden. Welche Möglichkeiten und Grenzen diese Perspektive für unser Selbstverständnis als handelnde Subjekte birgt, ist eine herausfordernde Frage. So ist hier möglicherweise eine theoretische Grundlage für die derzeit viel gepriesene Gelassenheit zu finden. Ob und inwiefern wir diesen Ansatz mit der in der westlichen Tradition stark verankerten Subjektphilosophie fruchtbringend in Beziehung setzen können, möchte ich gern untersuchen.

„La philosophie, c’est comprendre ce qu’on vit” – dieser Satz, den mir meine Dozentin Eliane Burnet während meines Auslandsjahres in Frankreich in den Kopf gesetzt hat, begleitet mich seither. Philosophie möchte ich nicht ausschließlich als theoretische akademische Disziplin betrachten, sondern sie auch als hilfreiches Werkzeug sehen, das uns ein besseres Selbst- und Weltverständnis ermöglicht. Vor diesem Hintergrund bin ich bemüht, philosophisches Denken auch in den öffentlichen Raum zu bringen, etwa durch die Organisation von Veranstaltungen im Rahmen der Fränkischen Gesellschaft für Philosophie und des Forums Theoretische Philosophie oder durch Mitwirkung bei Projekten der durch den gemeinnützigen Verein Aktive Mitte e.V. in Bamberg veranstalteten Reihe „Kultur im Leerstand“.

Für weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten: www.uni-bamberg.de/?id=67465